01 – Dämmerung

10.11
2008

Langsam versank die Sonne am Horizont und tauchte das lichte Wäldchen in ein unwirkliches Zwielicht aus Schatten. Ein Windhauch ließ die trockenen Blätter in den Bäumen flüstern. Sonst war es still. Der Wanderer schritt lautlos durch die Bäume. Er war schon den ganzen Tag unterwegs und hatte bis jetzt noch keinen geeigneten Ort für ein Nachtlager gefunden. Doch er machte sich keine Sorgen. Er war es gewohnt unter freiem Himmel zu schlafen und hatte keine Anzeichen für Baumkobolde oder andere zwielichte Wesen erkennen können. Das Wäldchen lag still und friedlich da. Ein erneuter Windhauch ließ ihn jedoch aufhorchen. Hatte der Wind nicht Kampfgeräusche mit sich getragen? Der Wandere blieb stehen und lauschte in die Dämmerung. Dann huschte er lautlos dem Waldrand entgegen. Jetzt hörte er es deutlicher: Klirren von Metall, gehetzte Rufe. Am Waldrand hockte er sich im Schatten eines großen Baumes nieder und betrachtete das Bild, das sich ihm bot. Vor ihm breitete sich die Landschaft vor der untergehenden Sonne aus. Saftige grüne Wiesen vor einem blutroten Horizont. Auf einem kleinen Hügel vor ihm lag eine kleine Ansiedlung – einfache Holzhäuser drängte sich um eine kleine, alte Kapelle aus Stein. Es hätte ein idyllischer Anblick sein können, wären da nicht die mehr als zwei dutzend Untote gewesen, gegen die sich eine Handvoll Bauern verzweifelt mit Heugabeln, Äxten und Fackeln zu wehren versuchten. Ohne Hilfe würden sie diesen Kampf nicht überstehen. Wann immer einer der einfachen Leute einem dieser Geschöpfe eine Mistgabel in die Brust stieß, taumelte dieses zurück, stürzte gar, rappelte sich jedoch schnell wieder auf und griff ohne Zögern erneut an. Es sah schlecht um sie aus. Ein Junge, der Fremde schätzte ihn auf höchstens 18 Winter, war von seinen Leuten getrennt worden und erwehrte sich verzweifelt gegen drei der Untoten, die ihn immer weiter abdrängten. Der Wandere richtete sich auf und spannte die Sehne seines Langbogens, während er weiter den Jungen im Auge behielt. Dieser wich immer weiter zurück bis er plötzlich taumelte und rücklings im Gras landete. Sofort waren die Bestien über ihrer Beute. Der Fremde legte einen schwarzgefiederten Pfeil an und schoss.

Welma fluchte laut. Die Götter mochten ihm in Anbetracht seiner Lage vergeben. Die Untoten waren so plötzlich aufgetaucht, dass die armen Siedler keine Möglichkeit gehabt hatten eine richtige Abwehr zu formieren. Zudem wusste niemand der einfachen Leute genau, wie man gegen diese Unwesen bestehen könne. Es sah schlecht für sie aus, wahrscheinlich, so schätze er, würde nicht alle den nächsten Tag erleben. Falls überhaupt einer von ihnen überleben sollte. Doch sie gaben nicht auf. Langsam wich er unter den unmenschlichen Hieben der Untoten zurück. Gleich drei dieser Bestien bedrängte ihn zusehends. Hilfesuchend sah er sich nach seinem Bruder Meldor um und erstarrte. Er brauchte einen Moment bis er begriff. Die Bestien hatten ihn von den anderen getrennt! Er war allein! Niemand würde ihm helfen! Verzweifelt wehrte er die ungestümen Angriffe ab die auf ihn einprasselten und wich weiter zurück. Was sollte er tun? Seine Gedanken überschlugen sich. Plötzlich trat er auf etwas weiches, verlor den Halt und stürzte. Die Axt, an die er sich so verzweifelt geklammert hatte, entglitt seinen Fingern. Als er aufblickte sah er in eine entsetzlich entstellte Fratze. Das halb verfaulte Fleisch hing in Fetzen am Schädel, dessen blanke Knochen in einem bleichen rot im Abendlicht schimmerten. Das linke Auge starrte ihn tot an, das rechte fehlte gänzlich. An seiner Statt war ein unheimliches rotes Glühen getreten, das tief in der Augenhöhle ruhte. Aus dem halb geöffneten Mund stach ihm übler Geruch von verwesendem Fleisch entgegen. Eine knochige Hand schnellte vor und grub sich in seine Schulter. Welma keuchte und wand sich unter dem harten Griff. Er versuchte sich wegzudrehen, konnte sich jedoch nicht bewegen. Plötzlich flackerte das dämonische Licht im Auge des Untoten. Dann erlosch es und der leblose Körper fiel zur Seite. Erleichtert und verwundert richtete sich Welma auf. Auch die anderen beiden Untoten lagen reglos im Gras. Schwarzgefiederte Pfeile hatten ihre Schädel durchbohrt und sie ihrem unheiligen Leben beraubt. Unvermittelt ragte eine Gestalt vor ihm auf. Er sah die Spitze eines Pfeiles auf ihn gerichtet und hielt den Atem an.

Der Fremde hatte die drei Untoten mit gezielten Schüssen erlegt und eilte auf den Jungen zu. Er musterten ihn, einen weiteren Pfeil im Anschlag, konnte jedoch keine Bissspuren erkennen. Gut. Dann fuhr er blitzschnell herum als er hinter sich ein Geräusch wahrnahm und schoss. Seines zweiten Lebens beraubt sackte der Leichnam lautlos in sich zusammen. Vorsichtig ließ der Fremde seinen Bogen zu Boden gleiten und stieg über den Kadaver. Die Klingen fingen in freudiger Erwartung an zu summen als er sie aus den Scheiden zog und auf die große Meute der Bestien zu eilte.

Hator beobachtete, wie der Fremde die gerade erstandenen Waren in seiner Tasche verstaute. Der fahrende Händler hatte ihm einen guten Preis gemacht, da er auch ihn vor den Untoten gerettet hatte. Unter dem dunklen Umhang zeichnete sich ein drahtiger Körper ab. Das Gesicht war unter der Kapuze kaum zu sehen. Zusätzlich hatte sich der Fremde ein dunkels Tuch über Mund und Nase gezogen, so dass nur die Augen zu sehen waren. Auf dem Rücken trug er einen Köcher mit schwarzgefiederten Pfeilen und zusätzlich Zwillingsschwerter. Verwundert bemerkte Hator, dass diese falsch herum angebracht waren. Über den Schultern ragten die Spitzen der Schwertscheiden hervor, während die Griffe links und rechts neben der Hüfte des Mannes lagen. Hator erinnerte sich, wie der Mann auf einmal unter die Untoten gefahren war, als die Bauern schon gedacht hatten, alles wäre verloren. Lautlos war er mit seinen Schwerten durch die Reihen der Zombies “getanzt” und hatte sie niedergemäht. Getanzt. Ein passenderes Wort viel Hator nicht dafür ein. Das einzige Geräusch war ein helles Summen gewesen, das von den Klingen auszugehen schien. Die Klingen! Ihm schauderte bei der Erinnerung. Aus schwarzem Stahl waren sie gewesen, mit eingravierten Runen, die blutrot geleuchtet hatten. Auch wenn der Fremde ihn und sein ganzes Dorf gerettet hatte, irgendetwas schien seltsam an ihm. Hator straffte sich und trat aus der versammelten Gemeinde auf den Mann zu.

“Herr …”, er konnte das Zittern in seiner Stimme nicht verhindern, “… wir danken euch für eure Hilfe. Ohne euch hätten wir die Nacht nicht überstanden.” Er reichte dem Fremden ein kleines ledernes Säckchen, in dem es verräterisch klimperte. “Wir sind arme Bauern und haben nicht viel, dennoch möchten wir euch dies als Dank anbieten. Es ist nicht viel aber bitte nehmt es als Zeichen unserer Dankbarkeit.”

Der Fremde betrachtete kurz das Säckchen in seiner Hand, dann gab er es Hator zurück.

“Ich danke euch für dieses großzügige Geschenk.” Seine Stimme war ruhig und kühl. “Doch ich kann dieses Geld nicht annehmen. Ich half aus freien Stücken. Niemand gab mir einen Auftrag. Ihr seid mir also nichts schuldig.”

Er sah Hator kurz in Augen, dann nickte er. “Doch sagt mir eins. Wisst ihr woher diese Wesen kommen? Eine Gruppe dieser Größe ist recht ungewöhnlich.”

Hator überlegte kurz. “Es tut mir leid, Herr. Wir wissen nicht wo sie her kamen. Die ersten sahen wir letzte Woche. Unten an der Flussbiegung. Seit dem streifen sie vereinzelt durch die Wälder. Doch die Gefahr ist jetzt wohl gebannt?” Er sah den Fremden fragend an. Dieser überlegte kurz, sah ihn jedoch nicht an. “Das vermag ich nicht zu sagen. Gibt es hier in der Gegend einen alten Friedhof oder dergleichen?”

“Friedhof? Nicht direkt. Dort drüben hinter dem Hügel”, Hator deutete nach Westen, ” gibt es Hügelgräber. Direkt bei der verbotenen Stadt.”

“Verbotene Stadt?” Der Fremde sah auf.

“Ja, Herr. Eine alte, verlassene Stadt. Ein düstere Ort, merwürdige Dinge passieren dort. Von uns wagt sich niemand dorthin.”

Der Fremde überprüfte seine Sachen, dann hing er sich die Tasche um und richtete sich zu voller Größe auf. “Ich werde mir diese Ruinen ansehen. Sie klingen interessant.”

Obwohl das Gesicht des Mannes von einem schwarzen Tuch verdeckt wurde hätte Hator geschworen ein Lächeln gesehen zu haben. Der Fremde schien verrückt zu sein.

Dieser drehte sich ohne eine weiteres Wort um und schritt nach Westen den Hügel hinunter. Hator schüttelte den Kopf. “Mögen die Götter dir beistehen.”

“Ich denke euer Problem hat sich soeben erledigt.”

Hator drehte sich zu dem Händler um, der gerade seinen Wagen belud und sah ihn fragend an. “Was meint ihr?”

“Na die Untoten. Wenn so viele auf einmal auftauchen gibt es wahrscheinlich irgendwo einen niederen Dämon oder Nekromanten. Und wenn den jemand stoppen kann, dann dieser Mann.” Der Händler deutet auf den sich entfernenden Fremden.

“Kennt ihr ihn? Wer ist das?”

Der Händler zuckte die Schultern und hiefte eine Kiste mit Werkzeugen auf den Planwagen. “Kennen? Naja…ich kenn’ seinen Namen. Aryon Schattenjäger. Doch viel mehr kann ich euch über ihn nich’ berichten. Ich hab’ ihn schon einmal getroffen. Er verkaufte mir damals ein paar seiner Pfeile. Vortreffliche Qualität.”

“Aber woher kommt er? Und was macht er?”

“Das weiß keiner so genau. Er liebt eher die Einsamkeit. Zieht herum und lässt sich für Aufträge anheuern, tötet Dämonen und so. Aber wenn ihr jemanden sucht, der mehr über ihn erzählen kann, sucht ihr vergeblich. Niemand weiß etwas über diesen Kerl. Deshalb hat er den Beinamen Schattenjäger bekommen. Er ist wie ein Schatten…”

Der Händler zurrte noch einmal an den Riemen der Plane, dann bestieg er den Kutschbock. “Na dann. Gehabt euch wohl. Wenn ich nochmal in der Gegend bin, komm’ ich wieder vorbei. Mögen die Götter über euch wachen!” Dann schnalzte er mit der Zunge, ruckte an den Zügeln. Langsam und unüberhörbar rumpelte der Wagen den Weg entlang.

“Mögen die Götter über euch wachen”, antwortete Hator geistesabwesend. Er starrte nach Westen, wo der Fremde gerade in den Schatten der Bäume eintauchte und verschwand. “Mögen die Götter über euch wachen, Aryon Schattenjäger!”

…to be continued

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2 Kommentare zu “01 – Dämmerung”

  1. Koko Lores sagt:

    Hab schon lange keinen Fantasyroman mehr gelesen, aber da würd ich schon gern weiterlesen. Interessanter Anfang für eine spannende Story!

  2. ICH JK sagt:

    …schöne Geschichte, wehe du schreibst nicht weiter!!!!
    Aber dann hätte ich es auch gerne wieder als Original
    ….handschriftlich. Und am Ende binde ich mir dann ein Buch draus, nur für mich :)

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